Was macht die Moderne mit unseren Gehirnen?

Das Gehirn ist kein festvernetztes, unveränderliches Organ. Es besitzt die Fähigkeit, sich neu zu vernetzen und neue Nervenverbindungen zu bilden (Neuroplastizität). Dabei reagiert es auf Wiederholung. Die Dinge, die wir häufig tun, hinterlassen Spuren in unseren Gehirnen. All die Erfahrungen, die wir machen, das Wissen und die Fähigkeiten, die wir uns aneignen, sie prägen, wie unsere Gehirne funktionieren.

In unserer heutigen Welt werden viele Erfahrungen auf virtuelle Art und Weise gemacht. Wir befinden uns mittendrin in einer Phase der „technischen Revolution“. Wie auch schon bei der „industrielle Revolution“ ist unser Leben damit großen Umwälzungen unterworfen.

Das Smartphone ist bei einem Großteil der Bevölkerung zum ständigen Begleiter geworden. Das bringt viele Vorteile mit sich: Unsere Welt und auch unsere Reichweite, wie wir uns in ihr bewegen können, sind größer geworden. Dank eines kleinen Geräts, das wir in unserer Hosentasche bei uns tragen, haben wir mehr Optionen als je zuvor.

Es ist nicht mehr notwendig, alles zu wissen. Dank Suchmaschinen und Google wird Nachdenken obsolet. Wenn ich mich einsam fühle, dann ist der nächste Chat-Partner nicht weit entfernt. Ich muss mich nicht mehr durch Menschenmassen quälen, um Dinge zu besorgen. Ein paar Klicks ersparen mir selbst das lästige Einkaufen.

„Zeit sparen“, so lautet das Versprechen, das hinter diesen Technologien steht.

Was passiert aber mit uns und unseren Gehirnen, wenn wir unsere Welt und unsere Realität mittels dieser technischen Geräte gestalten und erleben?

Mit all den Möglichkeiten, die sie uns verschaffen, untergraben sie auch unsere Fähigkeit, „gute Entscheidungen“ treffen zu können. Viele Alternativen überfordern uns. Unsere Kapazität, Daten zu filtern und diese zu verarbeiten, ist äußerst begrenzt. 7 ( +/- 2), aber wahrscheinlich eher 4 (+/- 2), so lautet die Zahl von Einzelnem, was wir unabhängig voneinander im Kopf behalten können.

Je mehr Möglichkeiten wir haben, umso schwerer wird es für uns, uns zu entscheiden. Und dieses „Mehr“ hinterlässt zudem oft den faden Beigeschmack, etwas verpasst zu haben.

So scheint es, als würde einem die zur Verfügung stehende Zeit niemals ausreichen, um all die Angebote nutzen zu können, die unsere „schöne neue Welt“ uns bietet. Wir denken, wenn wir möglichst viele Dinge auf einmal oder innerhalb kürzester Zeit machen, könnten wir diesem Dilemma entgehen. Denn auch wenn unsere Welt größer werden mag, die Zeit ist eine Konstante. Im Gegensatz zu den Optionen lässt sie sich nicht vermehren.

Die Angst, etwas zu verpassen, „Fear of Missing out“ (FoMO) ist damit zu einem Teil unserer täglichen Realität geworden. Sie korreliert dabei stark mit der Smartphone-Nutzung: wir tragen unsere Endgeräte stets bei uns, mittels sozialer Netzwerke sind wir mit einer großen Gemeinschaft von Menschen verbunden. In Echtzeit können wir verfolgen, was Andere tun. Damit einher geht auch eine steigende Unsicherheit, man selbst könnte die falsche Entscheidung getroffen haben. Hat man bzgl. der eigenen Unternehmung tatsächlich die richtige Wahl getroffen? [1].

Doch nicht nur die Angst, etwas zu verpassen, umtreibt Handynutzer. Sie geht sogar soweit, dass viele Angst vor der Zeit haben, die sie ohne ihr Smartphone auskommen müssen. Sollen die Nutzer von ihren technisch vermittelten Sozialkontakten abgeschnitten werden, befällt sie plötzlich Nomophobie. Die Wortschöpfung aus „No mobile Phone“ und „Phobie“ kann zu Deutsch mit der Angst, vom Handy getrennt zu sein, übersetzt werden. Dabei ist das Angstempfinden umso größer, je intensiver derjenige sein Handy für gewöhnlich nutzt. Ebenso spielt die Art und Weise des Entfernens eine Rolle: wird ihm das Handy weggenommen, erfährt er größeren Trennungsschmerz als wenn er es selbst weggelegt hat. [2].

Smartphones lösen aber nicht nur Ängste in uns aus. Sie haben zudem einen Einfluss darauf, wie wir uns verhalten.

Diese Beobachtung ist nicht selten: selbst im Beisammensein mit anderen Menschen können Menschen nicht von ihren Handys lassen. Meist steckt aber keine böse Absicht hinter diesen Handlungen. Es geschieht eher reflexartig und das Handy scheint wie ein Magnet magische Anziehungskraft auf seinen Besitzer zu haben.

Genau das ist das Erfolgsgeheimnis dieser Geräte: sie besitzen die Fähigkeit, auf wundersame Weise unsere Aufmerksamkeit für sich zu beanspruchen. Das gilt nicht nur für die Fälle, in denen wir das Handy nutzen oder Benachrichtigungen erhalten. Alleine die Präsenz des Handys sorgt dafür, dass unsere Aufmerksamkeit gebunden wird. Dazu reicht es aus, dass sich ein lautlos oder ausgeschaltetes Gerät im selben Raum befindet, wie man selbst.

Studien konnten belegen, dass dadurch kognitive Ressourcen angezapft werden, wenn wir angehalten werden, unser Smartphone NICHT zu beachten [3].

„Denke nicht an einen rosa Elefanten“ wird dazu führen, dass plötzlich Bilder eines rosa Elefanten vor unserem inneren Auge auftauchen. Unser Denkvermögen wird von dieser Zusatzaufgabe, etwas nicht zu tun, gefangen genommen. Selbst, wenn sie darin besteht, explizit etwas nicht zu tun, was man ohnehin nicht getan hätte.

Dasselbe passiert, wenn wir uns der Präsenz des Smartphones bewusst sind, aber wissen, wir dürfen oder sollen es nicht benutzen.

Smartphones stören damit unser eigenes Denken nachhaltig. Sie beanspruchen einen Großteil unserer kognitiven Aufmerksamkeit. Diese ist aber ohnehin sehr limitiert und sie beeinflusst, wie wir uns entscheiden und wie wir Erfahrungen wahrnehmen. Dadurch besteht die Gefahr, dass wir die Fähigkeit, bewusste Entscheidungen zu treffen, immer mehr einbüßen. Technik mag uns dann helfen, wenn wir aktiv entscheiden, was wir damit anstellen wollen. Wenn wir uns aber von ihr derart einnehmen lassen, dass wir nur noch re-agieren, büßen wir einen Teil unserer Autonomie ein.

Im schlimmsten Fall degenerieren wir zu Smombies: Menschen, deren freier Wille durch die Nutzung von Smartphones eingeschränkt ist und die willfährig handeln.

Um gezielt Gegenmaßnahmen ergreifen zu können, sollte ein jeder zunächst eine Bestandsaufnahme machen und sich folgende Fragen stellen:

Welchen Stellenwert hat das Smartphone in deinem Leben? Wie oft nutzt du dieses Gerät? Für was nutzt du es? Was löst die Vorstellung in dir aus, für eine gewisse Zeit von ihm getrennt sein zu müssen?

Das Beantworten dieser Fragen kann ein erster Schritt sein, um zukünftig bewusster mit den technischen Helferlein umzugehen. (Als hilfreich, um einen besseren Überblick über die Nutzungsdauer und -art zu bekommen, kann ich folgende App empfehlen: Menthal Balance).

Die Frage ist dann, was du mit dieser Information machst?

Siehst du Handlungsbedarf, was deine Handynutzung angelangt?

Wenn ja, hast du Strategien dafür?

  1. [1] Murphy-Kelly S. Report: 56% of social media users suffer from FOMO. Mashable, 9. Juli 2013. http://mashable.com/2013/07/09/fear-of-missingout
  2. [2] Elmore T. Nomophobia: A Rising Trend in Students. Psychology Today, 18.9.2014. www.psychologytoday.com/blog/artificial-maturity/201409/nomophobia-rising-trend-in-student
  3. [3] Adrian F. Ward, Kristen Duke, Ayelet Gneezy, and Maarten W. Bos, „Brain Drain: The Mere Presence of One’s Own Smartphone Reduces Available Cognitive Capacity,“ Journal of the Association for Consumer Research 2, no. 2 (April 2017): 140-154

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