Wagen um zu wachsen

„Nicht weil es schwierig ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwierig.“ – Seneca – (Moralische Briefe an Lucilius)

Ich würde nicht sagen, dass ich ein überängstlicher Mensch wäre. Nichtsdestotrotz erkenne ich mich in obigem Zitat Senecas von Zeit zu Zeit wieder. Manche Dinge wirken auf mich so groß, so unüberwindbar, dass ich mich verhalte wie das Kaninchen vor der Schlange: Angst vor dem, was passieren könnte, lähmt mich und meine Entscheidungen. In kleinen wie in großen Dingen.

Das Klettern ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr mein Kopf mir und meinen Vorhaben im Weg stehen kann. So ist mir dabei bislang noch nie etwas passiert und doch spielen sich Szenarien in meinem Kopf ab, die mich ängstigen. Vor allem die Angst zu fallen, spielt immer wieder eine Rolle.

Vergangene Woche unternahm ich meine ersten Kletterversuche am Fels. Bislang war ich nur in der Halle geklettert. Das Prinzip des Kletterns bleibt aber eigentlich dasselbe. Die Route, die ich versuchte war leicht; eine, die ich theoretisch auch ohne Sicherung hätte hochsteigen können. Doch plötzlich war da dieser Moment, in dem ich nicht mehr ein, noch aus wusste. Dort, wo zuvor noch Griffe und Tritte waren, verschmolz der Fels für mich zu einer glatten Masse. Ich verlor jegliches Zutrauen daran, mich dort irgendwo festhalten oder hinstellen zu können. Panik stieg in mir hinauf. Meine letzte geklippte Sicherung lag irgendwo unter meiner Hüfte, die nächste noch so weit über mir, dass ich sie selbst mit ausgestrecktem Arm nicht erreichen konnte. Ich wollte nur noch „in Sicherheit“. Aber ich war wie gelähmt und nicht einmal in der Lage, mir selbst zu befehlen, einfach wieder hinabzusteigen.

Sicher ist es sinnvoll, sich der Risiken bewusst zu sein, die das Klettern mit sich bringen können. Aber manchmal kann das Pendel auch umschlagen und Mehr-Wissen schädlicher sein als Nicht-Wissen. Mir war bewusst, dass ich erst zwei Sicherungen geklippt hatte. Bis zum Einhaken des vierten Karabiners besteht jedoch nach wie vor die Gefahr, einen Bodensturz zu erfahren. Außerdem war die Wand leicht positiv geneigt und unter mir eine kleine Stufe, auf die ich fallen könnte. Innerlich schrie mir eine Stimme zu, dass ich bloß nicht stürzen sollte! Sie schrie so laut, dass ich das Offensichtliche übersah: nämlich, dass die Route durchaus im Rahmen meines Leistungsvermögens lag und ich sie normalerweise ohne Bedenken hinaufklettern würde. Die Angst, in Verkleidung dieser Stimme, war das, was mich davon abhielt, sie einfach nach oben zu klettern.

Sturzangst ist beim Klettern nicht unbegründet. Selbst gute Kletterer stürzten. Man kann sogar sagen, je besser derjenige ist, desto häufiger stürzt er. Denn nur dann, wenn man bereit ist, dieses Risiko einzugehen, kann man in Bereiche vorstoßen, die die eigenen Grenzen ausweiten. Trotz dieser Angst weiter zu klettern, das scheint das Erfolgsgeheimnis zu sein.

Das bedeutet aber nicht, leichtsinnig zu sein. Bis auf wenige Ausnahmen, verzichten auch die Cracks des Klettersports nicht auf Sicherungselemente wie Seil und Karabiner.

Was treibt sie an? Wie schaffen sie es, ihre Ängste zu überwinden?

Angst überfällt uns dann, wenn wir unsere Komfortzone verlassen. Wir kennen das Gebiet, in dem wir uns gewöhnlich bewegen, ziemlich gut. Dort herrscht Ordnung, Zustände, die wir beherrschen können. Sobald wir uns jedoch weiter vorwagen, sehen wir uns mit „chaotischen“ Zuständen konfrontiert. Es ist das Unbekannte, das uns ängstigt. Wir haben nichts, auf das wir zurückgreifen können.

Das gilt für eine Felswand, die wir zum ersten Mal besteigen, genauso wie für alltägliche Situationen: bei Freunden, Familie, in einer uns vertrauten Umgebung fühlen wir uns wohl. Der Gedanke, auf eine Party zu müssen, bei der wir nur auf fremde Menschen treffen werden, erfüllt uns mit Unwohlsein. Wir können nicht im Voraus planen, vorhersehen, wie sich diese Menschen uns gegenüber verhalten werden. Genauso ungewiss ist beim Klettern, welche Qualität der nächste Griff, der nächste Tritt der Felswand haben werden.

Die Konsequenz, um Sicherheit in meinem Alltag und auch beim Klettern zu erfahren, wäre, dass ich nur noch die Dinge täte, die ich kenne.

Da das Leben aber dynamisch ist, wäre auch da Sicherheit nur vorgegaukelt. Es ist eine Illusion zu glauben, die Dinge wären morgen stets so, wie sie heute sind: wir alle sind dem Zeitablauf unterworfen. Die Umwelt, deren Bedingungen, selbst die eigene Person als Teil dieses Ganzen, ändern sich ständig. Das gilt für Menschen wie für Felswände. Niemand kann dir eine Garantie dafür geben, dass dein bester Freund und du auch morgen noch die gleichen Interessen teilen oder dass ein Vorsprung im Fels auf ewig dort sein wird.

Der Gedanke daran, dass die Welt sich dreht und stets Veränderungen erfährt, kann dann auch befreiend sein. Es gibt nichts, das ich festhalten müsste. Und wenn Dinge sich verändern, dann impliziert das auch, dass dies zum Guten hin passieren kann. Vielleicht bin ich heute ängstlich geklettert. Das bedeutet nicht, dass mich diese Angst mein Leben lang bei jeder Route begleiten müsste.

Bereit zu sein, sich auf unbekanntes Terrain zu wagen, kann zur Entdeckung neuer Möglichkeiten und Chancen führen.

Beispiele aus der Tierwelt können augenöffnend sein: Der Einsiedlerkrebs kann sich dazu entscheiden, seinen bisherigen Panzer abzulegen, wenn er ihm entwachsen ist oder aber dazu, ihn zu behalten. Im ersten Fall ist er für die Zeit, die er benötigt, um eine neues „Zuhause“ zu finden, schutzlos. Im zweiten Fall erfährt er zwar Sicherheit, diese aber auf Kosten seines Lebens: um weiterhin in den Panzer zu passen, muss er hungern und wird auf kurz oder lang sterben. Nur wenn er sich seines Panzers entledigt, wird er wachsen können.

Wir sind Menschen, keine Einsiedlerkrebse. Uns somit wird derjenige nicht zugrunde gehen, der seine Ängste nicht überwindet und den Status Quo akzeptiert. Wer sich aber neuen Herausforderungen stellt, erhält die Chancen, über sich hinaus wachsen zu können.

Angst ist eine wichtige Signalgeberin. Sie hält uns davon ab, unüberlegt und leichtsinnig Gefahren einzugehen. Aber sie ist auch die Stimme, die uns in unserer wohlbehüteten Komfort-Blase halten will. So sollte man sie nicht ignorieren, aber auch nicht bedingungslos akzeptieren. In manchen Situationen muss man sich ihr stellen und sie überwinden, will man etwas Größeres werden als bisher. Und oft stellt sich dann heraus, dass sie zwar nicht unbegründet, aber zumindest überzogen war.

In meiner mir ausweglos scheinenden Klettersituation war es mein Kletterpartner, der mir Mut zusprach und mich davon überzeugte, beherzt ein paar Tritte nach unten zu klettern und sicheren Stand zu erreichen. Dort stand ich vor der Entscheidung, mich abseilen zu lassen oder einen neuen Versuch zu wagen. Ich atmete tief durch und beschloss, weiterzumachen. Anders als beim ersten Versuch ging ich in Gedanken die Schritte durch, ich als nächstes machen würde.

Es gelang mir, die Route zu Ende zu klettern und im Nachhinein erscheint es mir lächerlich, dass mich diese Panik befallen hat. Und trotzdem war daneben ein Gefühl von Stolz, als ich endlich oben angekommen war. In Performance-Hinsicht hatte ich vielleicht keine Glanzleistung hingelegt, dafür aber etwas besiegt, das mehr zählte als irgendeine Routenbewertung: mich selbst und meine Angst.

Wie so oft sehen die Dinge in der Rückschau weniger bedrohlich aus, als sie vorab wirkten. Angst lässt sich aber nicht rational erklären oder in irgendwelche Kategorien stecken. Ein anderer mag ohne Bedenken Felsen hinaufsteigen oder sich in Gesellschaft fremder Menschen pudelwohl fühlen. Das heißt nicht, dass das für dich gelten müsste. Jeder hat seine eigene Komfortzone, außerhalb deren Grenzen er sich nur ungerne bewegt. Diese zu verlassen kann Ängste auslösen. Das ist nichts, für das man sich schämen müsste. Sie zu überwinden kann vielmehr ein Werkzeug sein, mehr aus sich zu machen.

Dass ich meiner Angst dieses Mal getrotzt habe, ist kein Garant, dass ich die nächste Route angstfrei klettere. Aber ich habe aber die Erkenntnis gewonnen, dass es möglich ist, die eigene Angst zu überwinden. Und warum sollte es mir nicht wieder gelingen? Und wenn es beim Klettern möglich ist, warum nicht auch bei anderen Dingen im Leben?

Wenn du das Gefühl hst, dass du in einer Situation steckst, in der Angst dich lähmt, frage dich:

Wo sind die Menschen, die dir Sicherheit geben können? Sicher, liegt die Verantwortung immer noch bei einem Selbst, aber Worte der Ermutigung können äußerst hilfreich sein. Ohne die Zusprache meines Kletterpartners hinge ich wahrscheinlich immer noch in der Wand.

Dann atme tief durch und sei dir bewusst, dass Angst ebenso nur eine Emotion ist wie auch Freude eine ist. Die Bedenken, die uns vor einer Sache abhalten, lassen sie uns oft schwerer erscheinen als sie ist.

Teile das Vorhaben in kleine Schritte ein. Stell dir die Frage, was du unternehmen kannst, um zumindest ein Stückchen voran zu kommen. Und dann gib dir einen Ruck und wage es einfach! Du wirst sehen, das kann und wird dich verändern!

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