„Warum machst du das überhaupt?“

Das ist eine Frage, die man als Sportler nicht verstehen kann. Würde man nach rationalen Gründen suchen, täte man sich sehr schwer damit. Denn worin liegt der tiefere Sinn, bspw. einem Ball hinterherzujagen, um ihn in einen Korb zu werfen oder in ein Tor zu schießen? Warum die Anstrengung auf sich nehmen, auf einen Berg zu klettern oder diesen mit dem Rad zu erklimmen?

Man tut es, weil man es eben tun MUSS. Weil tief in einem eine Art innerer Drang existiert. Der Sport ist nicht nur Mittel zum Zweck, er ist der Zweck an sich. Er ist Teil dessen, WER man ist.

Für den Sportler stellt sich diese Frage nach dem Warum nicht, wenn es Teil seiner Identität geworden ist.

So erging es mir mit dem Basketball.

Anfangs von Freunden meiner Eltern zum Basketballspielen überredet, wurde es bald mehr als nur eine Freizeitgestaltung. Recht schnell nahm Basketball eine übergeordnete Rolle in meinem Leben ein.

Ich spielte nicht nur Basketball, ich lebte und atmete es. Ein Tag ohne dem orangefarbenen Leder hinterhergejagt zu haben, war ein verlorener Tag. „Basketball“ war zu einem Teil meiner Identität geworden.

Die Phasen der erzwungenen Unterbrechung waren daher äußerst schmerzhaft. Nicht nur im wörtlichen Sinne, wenn ich verletzt oder krank war. Nicht der geliebten Tätigkeit nachgehen zu können, bedrohten auch das was ich war. Verletzungen und Krankheit waren damit gleichbedeutend mit einem Verlust meiner Identität. Konnte ich nicht Basketball spielen so war es, als könne ich nicht Basketballerin SEIN.

Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass dies jemals anders sein könnte.

Und doch spukte immer häufiger diese Frage in meinem Kopf herum: warum machst du das überhaupt?

Ich wollte mich nicht damit auseinandersetzen und so versuchte ich die Sinnfrage zu unterdrücken, wo es nur ging. Joseph Bartz sagte aber etwas, das mir tief zu denken gab:

In meiner Arbeit als Lehrer sehe ich immer wieder, wie die eigene Festigkeit der Identität einen davon abhält, zu lernen und das Leben in seiner Gesamtheit zu betrachten. Die Festigkeit und Kleinheit der Identität lässt den Fokus auf einem kleinen Teil des Lebens ruhen und verhindert dadurch das Erreichen von Weisheit.

Bezüglich Sport bestand meine Identität aus Basketball. Limitierte ich mich also selbst, indem ich vehement an die Festigkeit dieser Identität glauben wollte?

Was ist das überhaupt – die eigene Identität?

Der Begriff leitet sich aus dem Lateinischen „idem“ ab und bedeutet so viel wie „“Sich-selbst-als-gleich-erleben“.

Damit geht bereits die Unterstellung einher, die Identität sei eine feste Entität. Für viele ist eine Identität entwickelt zu haben gleichbedeutend mit dem Erwachsensein. Im Gegensatz zu Kindern und Jugendlichen, denen man nachsagt, heute dies, morgen das sein zu wollen und denen daher die Orientierung fehle, die eine feste Identität mit sich bringt.

Identität ist doppel-gesichtig: nicht nur „ich erkenne“, sondern auch „ich werde erkannt“.

Zum einen schälen sich durch den Prozess der inneren Selbstfindung im Lauf der Zeit eigene Interessen und Bedürfnisse heraus. Aus all den Eindrücken, Emotionen und Gedanken, die unser Gehirn tagtäglich erreichen, filtern wir die heraus, die uns wichtig erscheinen. Wir entscheiden, welchen Dingen wir Aufmerksamkeit zukommen lassen und entwickeln daraus einen Sinn für uns. Meine Prioritäten mögen anders gewichtet sein als deine, das gibt mir eine Identität, die mich von dir unterscheidet und mich damit einzigartig macht.

Diese inneren Vorgänge werden aber auch von außen beeinflusst. Als Subjekte sind wir nie ohne unsere Einbettungen in die Gesellschaft, nie ohne Beziehungen zu anderen denkbar. So haben wir bestimmte äußere Merkmale und unterliegen sozialen Klischees. Anhand derer bekommen wir „Handlungsanweisungen“, welche Rolle wir in der jeweiligen Gesellschaft zu spielen haben. Zudem prägen soziale Konditionierungen – sei es durch unsere Eltern, durch Lehrer oder durch unsere Freunde – das Bild, das wir von uns entwickeln.

Bei mir war es also das Basketball, dass einen großen Teil meiner Identität bestimmt hat. Aus dem zufälligen Kontakt damit erwuchs schnell ein Interesse daran und weiter das Bedürfnis dieser Tätigkeit nachzugehen. Meine Eltern unterstützten mich darin, meine Trainer förderten mich und meine Teamkameradinnen gaben mir die nötige Geborgenheit und ein Zugehörigkeitsgefühl. All diese Entwicklungen sorgten dafür, dass das Band zwischen dem Sport und meinem Selbst noch enger verknüpft wurde.

Ich konnte erfahren, dass eine Identität einem inneren Halt und Sicherheit bietet. Ich wusste stets, wo ich „hingehöre“. Und auch für mein Umfeld hatte es Vorteile: ich war „vorhersehbar“, wussten sie doch stets, wen sie vor sich haben.

Deshalb wollte ich mich mit der Frage WARUM ich Basketball spiele, auch nicht beschäftigen und versuchte, sie im Keim zu ersticken.

Den Sinn von etwas zu hinterfragen ist ein gefährlicher Moment. Das eigene Sein wird in seinen Grundfesten erschüttert.

Lieber zog ich die Gewissheit einer gegebenen Identität den Möglichkeiten einer Neuerfindung meines Selbst vor. Das bekannte Terrain gibt Sicherheit, das Ungewisse breitet sich hingegen aus wie ein Abgrund, dessen Boden man nicht sehen kann.

Was aber, wenn der Glaube und das Festhalten an die eigene Identität blind macht gegenüber den Möglichkeiten der Welt?

Gewisse Grundzüge sind sicher jedem Menschen zu eigen. Jeder besitzt individuelle Vorzüge und Bedürfnisse, die für ihn in seinem Leben wichtig sind.

Für mich war das schon immer der Sport und die Bewegung. Und doch hatte ich meine Neigung bislang immer nur auf einen kleinen Teil gerichtet, nämlich dem Basketballsport. Innerhalb dieser Welt hatte ich gelernt und mich verbessert, aber andere Möglichkeiten und Sportarten ausgeblendet. Zu sehr war ich in dieser Identität gefangen, eben „Basketballerin“ zu sein.

Die Macht der Gewohnheit lässt einen an den Dingen festhalten, die schon immer da waren. Damit werden wir zu statischen Bewohnern einer an sich dynamischen Welt.

In der Natur ist Nichts statisch. Sie besteht aus einem beständigen Kreislauf des Werdens und des Vergehens: der Wechsel der Jahreszeiten, das Auf- und Untergehen der Sonne, das Ver- und Erblühen der Blumen…

Leben bedeutet Wandel, Stillstand bedeutet Tod.

Alles was lebendig ist, besitzt die Bereitschaft und das Potential, sich zu verändern. Nur wir Menschen beharren darauf, das zu bleiben, was wir einmal geworden sind.

Dabei kommen wir doch alle als unbeschriebenes Blatt auf die Welt. Als Neugeborenes besitzen wir noch keine eigene Identität. Noch können wir alles werden und alles sein. Das ganze Leben und damit ein Quell an Möglichkeiten liegt vor uns. Je älter wir werden, desto mehr schneiden wir uns diese Möglichkeiten ab. Wir glauben zu wissen, was im Leben zählt. Wir haben festgefahrene Programme und Ideale, die wir für unverrückbar halten.

Das Ende aller Möglichkeiten, aller Neuwerdung, gipfelt schließlich im eigenen Tod. Dem Sterbenden hat das Leben eine Identität gegeben, die er mit ins Grab nehmen wird. Er WAR, kann nicht mehr WERDEN.

Das Neugeborene hingegen ist der Inbegriff der Lebendigkeit, die sich durch seine Unvoreingenommenheit und seinen Optionsreichtum ausdrückt. Die eigene Lebendigkeit könnte man an diesen Kennzeichen messen. Derjenige, der offen und bereit für Neues ist, sich nicht an festgefahrenen Überzeugungen klammert, sprüht vor Lebenskraft. Derjenige, der sich allerdings weigert, Wandel zu erleben, statisch ist und denkt, der befindet sich näher am Totenbett denn im Leben.

Dennoch: alle Erfahrungen, die wir im Leben gemacht haben, tragen zu dem bei, was wir heute sind. Das zu erkennen und wertzuschätzen ist die eine Sache. Krampfhaft daran festzuhalten die andere Sache, die wir vermeiden sollten, wollen wir das Leben in seiner Gesamtheit erfahren.

Basketball hat mir viel gegeben, mich sehr geprägt. Ich habe vieles gelernt und erlebt, was mir in meinem Leben von unschätzbarem Wert ist. Und doch ist es nun an der Zeit, weiterzugehen, der eigenen Identität weitere Facetten hinzuzufügen. Die Welt (des Sports und der Bewegung) nochmal mit neuen, kindlichen Augen sehen. Ich bin neugierig und gespannt, welche bislang vernachlässigten Aspekte ich neu entdecken und lernen kann.

Sport – und wie in meinem Fall Basketball – ist nur ein kleiner Aspekt, der das Leben und die eigene Identität ausmacht. Es soll daher nur stellvertretend als Beispiel dafür dienen, wie verhaftet wir Macht der Gewohnheit mit unserer Identität sein können.

Vielleicht kennst du das selbst und es blitzen auch bei dir solche Momente auf, in denen du dich fragst, warum du eine Sache überhaupt machst.

Das kann ganz profane Dinge betreffen, wie ein Hobby. Es kann aber auch tiefer gehen und die Sinnfrage kann sich auf die gesamte Lebensführung erstrecken. Und dann kennst du wahrscheinlich auch die erste Reaktion, die darauffolgt: nämlich den Impuls, etwas zu ändern, sofort zu unterdrücken.

Auf der einen Seite steht die Sicherheit, die eine feste Identität einem verleiht. Auf der anderen Seite aber das Potential, möglichst viel von dem mitzunehmen, was das Leben uns bietet.

Solange wir am Leben sind, ist Identität nicht einfach, was wir sind, sondern ein Prozess, den wir aktiv vorantreiben müssen. Auch, wenn es bedeutet, einen Teil dessen, was wir für unsere unveränderliche Identität hielten, hinter uns zu lassen…

Denn wie schon Sokrates wusste:

Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden.

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