Das Problem mit der Wahrnehmung

Wir können gar nicht anders. Dank unserer fünf Sinne kommunizieren wir ständig mit unserer Umwelt und sie mit uns. Ein permanenter Strom von Reizen dringt in unser Bewusstsein ein. Neben den Sinneswahrnehmungen Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Tasten haben wir aber noch einen sechsten Sinn, zumindest sehen das die Buddhisten so: das Denken.

Das Denken, Unser 6. Sinn

Dieser Sinn ist es, der all unseren Wahrnehmungen den letzten und entscheidenden Schliff gibt. Darüber bewerten und beurteilen wir jede Erfahrung, die wir machen. Das Denken und die damit verbundenen Fähigkeiten, aus der Vergangenheit zu lernen und zukünftige Ereignisse vorherzusehen, macht uns letztlich zu dem was wir sind, nämlich das höchstentwickelte Lebewesen auf unserem Planeten. Und dennoch ist das Denken, wie es sich in unserer modernen westlichen Welt durchgesetzt hat, auch Ursache vielen Leids.

Wir sind nicht mehr in der Lage, vorbehaltslose und unvoreingenommene Erfahrungen zu machen. Alles, was wir erleben ist stets eingefärbt von Urteilen, Bewertungen, Vergleichen. Es scheint fast so, als würde es kaum noch möglich sein, mit zunehmendem Alter „neue Erfahrungen“ zu machen, wie es ein Kind noch vermag. So wird bspw. selbst der allererste Urlaub, den man in Australien verbracht hat, Objekt des Vergleichs: er wird mit einem vorangegangen, der in einem anderen Land stattgefunden hat oder auch mit dem des Nachbarn verglichen. Doch dem nicht genug: der Urlaub ist noch nicht wirklich beendet, aber nicht selten hört man Menschen bereits auf dem Rückflug darüber debattieren, wie, wann und wo der nächste Urlaub verbracht werden könnte. Wo bleibt da noch Raum, den Urlaub zu erleben?

Das Leben besteht aus einer Serie von Augenblicken. Unser eigenes Leben können wir uns dabei vorstellen wie einen Film. Wie im Kino werden die einzelnen Bilder hintereinander an die Leinwand projiziert.  Wir vergessen allerdings, dass wir nicht nur die Zuschauer, sondern die Produzenten und zugleich die Hauptdarsteller dieses Films sind. Und dass wir damit Einfluss auf jede Szene, auf jedes Bild dieses Filmes haben. Das funktioniert aber nur dann, wenn wir den einzelnen Momenten auch Aufmerksamkeit zukommen lassen. Aufmerksamkeit, ihn so wahrzunehmen, wie er ist. Ohne ihn sofort zu beurteilen oder in eine bestimmte Kategorie zu stecken.

Die Gedanken, wie wir immer und überall haben, überlagern jedoch meist den gegenwärtigen Moment. Wir werden von der Gegenwart abgelenkt, da wir uns mit der Vergangenheit oder der Zukunft beschäftigen.

Begriffe vs. direkte Wirklichkeit

Dazu kommt die Gewohnheit, alles zu bewerten, alles mit Etiketten zu versehen. Das lässt uns jegliche Objektivität verlieren. Dinge und Menschen, die ein gutes Gefühl bei uns hinterlassen, beurteilen wir als „gut“ und andere, die weniger gute Gefühle in uns auslösen als „schlecht“. Wir verlieren uns in „Begriffen“ und merken dabei nicht, wie abhängig wir von ihnen werden. Natürlich brauchen wir Begriffe in unserer täglichen Welt, um diese zu ordnen und uns in ihr zurechtzufinden. Wir sollten uns aber nicht von ihnen täuschen lassen. Denn jenseits der Begriffe steckt eine wahre Natur die uns verborgen bleibt, wenn wir uns der „direkten Wahrnehmung der Welt verschließen. So ist der Begriff des „Apfels“ bspw. etwas statisches, ein gedankliches Objekt. In der begrifflichen Welt wird ein Apfel immer ein Apfel bleiben. Wenn ich einen Apfel aber esse, wenn ich ihn dabei betrachte, wenn ich an ihm rieche, werde ich feststellen, dass diese Sinneswahrnehmungen nur flüchtiger Natur sind. Seine Farben, seine Form, sein Geruch ist vielmehr etwas, was sich auf eine subtile und winzige Art und Weise wandelt. In der direkten Wahrnehmung gibt es nicht DEN EINEN Apfel.

Wir aber versehen alles was wir erleben, alle Dinge und Menschen, die uns begegnen, ebenso mit diesen statischen Begriffen. Wir übersähen unser Dasein mit einem Wulst an vorgefertigten Kommentierungen, Beurteilungen und Kritik. So nehmen wir uns die Möglichkeit, direkte und echte Erfahrungen zu machen.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma kann für uns die simple, doch nicht unbedingt immer leicht anzuwendende Praktik der „Achtsamkeit“ sein. Im Buddhismus ist Achtsamkeit das Mittel schlechthin, um das eigene Leben zu bewältigen. Achtsamkeit kann uns Freiheit schenken und uns helfen, eine „furchtlose Präsenz“ im Hier und Jetzt einzunehmen.

Was bedeutet es, achtsam zu sein?

Achtsamkeit bedeutet, eine Haltung des Respekts einzunehmen, eine Haltung, die frei von Wertungen ist.

Folgende vier Schritte können als Grundlage für ein achtsames Leben herhalten:

  1. ERKENNEN was IST: Innezuhalten und den Moment so zu sehen, wie er sich gerade präsentiert.
  2. AKTZEPTIEREN, was IST: Das bedeutet nicht, fatalistisch werden zu müssen, ohne die Chance zu bekommen etwas in Zukunft ändern zu können. Es gilt, anzuerkennen, dass die Dinge FÜR DEN MOMENT so sind und nicht anders.
  3. ERFORSCHEN oder auch „tiefblicken“: was geschieht in diesem Moment in meinem Körper? Welche Gefühle sind damit verbunden? Welche Gedanken und Bilder liegen diesen Gefühlen zugrunde? Kann ich Prinzipien und Gesetze erkennen, die diese eigene Wirklichkeit lenken?
  4. NICHT-IDENTIFIZIEREN: Das Problem, mit dem ich mich konfrontiert sehe, das bin nicht ICH, es ist nicht MEINS. Das damit verbundene Gefühl der Abhängigkeit
    loswerden und lernen, loszulassen.

Indem man sich diese Schritte bewusstmacht, dann kann man erkennen, dass alles was passiert, kontextabhängig ist. Es sind unsere eigenen Gedanken, unsere Bewertungen, die aus einer Sache ein „Problem“ machen:

In Zeiten der Dürre ist der Regen ein Segen für Mensch und Natur. Regnet es allerdings tagelang ununterbrochen, so können Flüsse über ihre Ufer treten und die Überschwemmungen Schaden anrichten. Damit wird deutlich, dass der Regen per se weder „gut“, noch „schlecht“ ist. Streng genommen ist er einfach nur „nass“…

Diese Haltung des Annehmens, was ist und die Fähigkeit, sich nicht damit zu identifizieren, was passiert, kann große Entspannung mit sich bringen. Dann, wenn wir eben achtsamer durchs Leben gehen.

Wie kann man nun mehr Achtsamkeit in sein Leben bringen?

Die Praxis, die als Achtsamkeitstraining schlechthin bekannt ist, ist die Meditation.

Meditation ist ein Vorgang der bewussten Beobachtung von Geist und Körper, in der man jedes Erleben, wie es sich von Augenblick zu Augenblick gestaltet, in seinem Sosein zulässt und akzeptiert. Es geht dabei weder darum, die Gedanken zu zensieren, zu unterdrücken oder zu eliminieren, noch darüber, irgendetwas zu kontrollieren, sondern allein darum, die Konzentration und die Richtung der Aufmerksamkeit beizubehalten. – Jon Kabat-Zinn, Gründer der Stress Reduction Clinic in Massachusetts

Viele Menschen in unserer westlichen Welt tun diese nach wie vor als „zu esoterisch“ ab und haben nicht mehr als ein müdes Lächeln dafür übrig. Studien zeigen jedoch, dass Meditation, wenn sie regelmäßig angewandt wird, enorme positive Effekte auf Wohlbefinden und Gesundheit hat.

Wenn Meditation hilft, warum meditieren dann nicht mehr Menschen?

Weil es unangenehm ist. Weil die Meditation für den Anfänger zunächst das genaue Gegenteil dessen ist, was Aufmerksamkeit eigentlich verspricht. Statt den Moment zu genießen und einfach nur im Hier und Jetzt zu sein, wird man während seiner ersten Sitzungen damit konfrontiert werden, dass der Geist wie ein stürmisches Meer ist. Wie Wellen werden Gedanken hin- und her peitschen.  Die ruhige See, in der sich die Wolken auf der glatten Oberfläche spiegeln könnten, ist nichts mehr als ein Wunschtraum. Die wenigsten schaffen es auch nur für 10 Minuten, sich auf ihren Atem zu konzentrieren! Sie schwanken zwischen Unruhe und Langeweile, sie werden geplagt von plötzlich auftretenden Schmerzen, bombardiert von Gedanken über Dies und Das.

Daher nehmen viele Menschen diese Erfahrung als Anlass, die Meditationspraxis wiederaufzugeben. Aber gerade diese Schwierigkeiten zeigen auf, wie nötig wir sie eigentlich hätten, wie geschäftig und wie wenig achtsam wir tatsächlich sind. Indem unser Geist unstet ist, wenden wir viel zu viel Energie damit auf, irgendwelchen Gedanken nachzuhängen, statt zu erleben, was ist.

Meditation ist ein mächtiges Instrument, mithilfe dessen wir wieder lernen können, achtsamer durch unser Leben zu gehen. Mit zunehmender Dauer werden wir dadurch innerlich ruhiger werden können und die Essenz dessen erfahren, was Achtsamkeit ist: nämlich in jedem Augenblick zu wissen, was man gerade tut.

Wie also anfangen?

Das Wichtigste an der inneren Arbeit der Achtsamkeit ist die Beharrlichkeit im Üben! Die Meditation muss zum Teil des täglichen Lebens werden, wie auch die täglichen Mahlzeiten. Das ist einfacher, als es klingt. Wir haben bereits viele Disziplinen in unserem Leben, an die wir uns gewöhnt haben und die wir ausführen, ohne groß dabei nachzudenken. Das Zähneputzen bspw. ist für nahezu jeden Menschen Teil seiner Morgen- und Abendroutine. Ebenso kann die tägliche Meditation etwas werden, das fest in den Tagesablauf integriert wird und das man nicht mehr missen möchte. Dazu sollte man sich verpflichten, sich zunächst 5-10 Minuten am Tag freizuschaufeln und die man der Meditation widmet. Man muss sich die Zeit dafür NEHMEN, weil man sie sonst nicht finden wird.

Formales Achtsamkeitstraining: Meditation

Die Tageszeit ist dabei individuell und sie sollte für einen günstigen sein. Dazu begibt man sich an einen Ort, an dem man nicht gestört wird. Ob man im Liegen oder im Sitzen übt, ist zunächst zweitrangig. Für 5 bis 10 Minuten gibt es nichts anderes zu tun, als dem eigenen Atem zu folgen. Darauf zu achten bedeutet nicht, etwas ändern zu wollen. Aufmerksam zu sein bedeutet vielmehr, sich dessen „bewusst“ zu sein, dass und wie man atmet. Die Empfindungen, die den Atemvorgang begleiten, das Gefühl, dass er in der Nase hinterlässt, die Bewegungen und die Muskeln, die damit verbunden sind. Der Bauch ist das „Zentrum der Schwerkraft“ unseres Körpers. Daher ist die Bauchatmung ein geeignetes Mittel, um sich zu beruhigen und zu entspannen: bei der Einatmung sollte sich die Bauchdecke nach außen wölben, bei der Ausatmung wieder absenken.

Die Gedanken werden immer wieder abschweifen. Das ist normal und nichts, für das man sich verurteilen sollte. Dann gilt es, seine Aufmerksamkeit wieder sanft auf den eigenen Atem als Anker zurückzuführen.

Nichtformales Achtsamkeitstraining im Alltag

Neben dieser „formalen“ Art der Achtsamkeitspraxis kann man zusätzlich versuchen, auf  „nichtformalem“ Weg mehr Präsenz für den Augenblick zu entwickeln. Einfache Routinetätigkeiten wie Zähneputzen, Duschen, Kochen oder Autofahren lassen sich so ausführen, dass man sich bemüht, ganz bei der Sache zu sein. Wie sich zeigen wird, sind wir gerade bei den einfachsten Verrichtungen des täglichen Lebens mit unseren Gedanken oft woanders. Diese Tatsache weitet sich auf viele weiterer Bereiche des Alltags aus: wir daddeln auf unserem Smartphone während wir Fernsehschauen, wir schauen Fernsehen während wir mit unseren Freunden reden… Es ist doch aber unsere Zeit, die unser Tun beansprucht. Wäre es da nicht sinnvoll, dabei vollkommen präsent zu sein? Achtsamkeit kann uns helfen, weniger leicht auf Reize zu reagieren, Erfahrungen und Erlebnisse zu intensivieren.

Und somit einen Augenblick nach dem anderen zu leben, anstatt ein Leben lang auf die Zukunft zu warten.

Mehr Achtsamkeit in sein Leben zu bringen, kann für jeden Menschen einen großen Gewinn darstellen, wenn er bereit ist, die notwendige Geduld aufzubringen uns sich frei von irgendwelchen Erwartungen und Zielen dem Augenblick.

Wie achtsam begegnest du den Momenten des täglichen Alltags?

Wie gehst du damit um, wenn du das Gefühl hast, von Gedanken und Stress „aufgefressen“ zu werden?

Hast du eine Meditationspraxis oder kannst du dich mit dem Gedanken anfreunden, damit zu beginnen?

Wenn nicht, welche „Ausreden“ hast du dafür? Was hast du davon, wenn du diesen nachgibst?

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1 Reply to “Das Problem mit der Wahrnehmung

  1. Achtsam sollten wir uns gegenüber und unseren Mitmenschen und Tieren sein.
    Ein friedvolles Leben ohne Missgunst und Krieg.
    Das wird es wahrscheinlich, wenn wir so weiter mit uns umgehen, nicht geben.

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