„Schmerzen gehören zum Älterwerden dazu…“

„Schmerzen gehören zum Älterwerden einfach dazu!“ Kommt dir dieser Spruch bekannt vor? Und noch schlimmer: glaubst du auch noch daran? Wenn du nun erfahren würdest, dass der überwiegende Teil der Schmerzen, den wir erfahren, in unseren Nervensystemen und nicht in unseren Geweben zu finden ist, könntest du dann dein Verhältnis zu ihnen ändern? Schmerzen dienen unserem Schutz. Ihr Zweck ist es, uns zu einem bestimmten Verhalten zu animieren, um mögliche Gefahren von uns und unseren Körpern fernzuhalten. Daher sind Schmerzen nicht unsere Feinde, sondern wichtige Signalgeber.

Wir besitzen ein ausgeklügeltes Gefahrenmeldesystem, dessen Aufgabe darin besteht, Veränderungen in unserem Körper zu entdecken. Denkt es, ein Veränderung könne eine Gefahr für uns darstellen, informiert es unser Gehirn.  Unterstützt wird das Gefahrenmeldesystem von unseren vier Sinnen. Auch unsere Fähigkeit, die Zukunft vorhersehen zu können hilft dabei mit. Wir können nämlich unser Gedächtnis und unseren Verstand einsetzen, um Gefahren vorzubeugen.

Schmerz = Output des Gehirns

Die Kommandozentrale dieses Alarmsystems ist schließlich das Gehirn: die Botschaften, die es erreichen, kommen als „Gefahrenmeldung“ an; Gehirn entscheidet, ob es daraus „Schmerz“ macht oder nicht. Seine Aufgabe ist es also, die ankommenden Informationen zu analysieren und sie mit den bereits gespeicherten Vorerfahrungen abzustimmen. Daraus bastelt es ein möglichst vernünftiges Szenario für den gesamten Organismus zusammen.

Die Signale, die uns als Schmerz erreichen, stammen also nicht aus den „schmerzhaften“ körperlichen Strukturen, sondern aus dem Nervensystem. Bestimmte Bereiche des Gehirns sind dafür zuständig, Schmerzsignale zu senden. Schmerz ist demnach ein „Output“ seitens des Gehirns und kein „Input“ seitens des Körpers an das Gehirn.

Wenn wir unsere Hand bspw. auf eine heiße Herdplatte legen wird unser Gehirn blitzschnell realisieren, dass die Hand in Gefahr ist: wäre sie länger der Hitze der heißen Herdplatte ausgesetzt, würde sie schlimme Verbrennungen erleiden und unter Umständen unbrauchbar werden. Daher sendet es Signale in Form von Schmerzen aufgrund derer wir die Hand schnell von der Platte wegziehen. Der Schmerz bewahrt uns vor Schlimmerem.

Altersbedingte Schmerzen einmal anders betrachtet

Was bedeutet dies nun für die „altersbedingten Schmerzen“, die laut Volksmund jeden treffen, der das 30. Lebensjahr erreicht? Die kleinen Zipperlein in Rücken und Knien? Die Tatsache, dass körperliche Aktivitäten plötzlich mühseliger werden?

Legen wir die Annahme zugrunde, dass unser Gehirn uns mittels der Schmerzen signalisieren möchte, dass ungute Veränderungen im Körper vonstattengehen. Nehmen wir weiterhin an, dass es uns zu einem anderen Verhalten animieren möchte. Könnte der Schmerz in diesem Fall nicht das Signal dafür sein, dass in dem Leben, das wir momentan führen, gerade etwas gewaltig schiefgeht?

Natürlich sind unsere Körper dem Zeitablauf unterworfen. Und so gehört es zum „Lebendig-Sein“ dazu, dass es zu Gewebeveränderungen kommt. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird das Röntgenbild eines 80-jährigen degenerative Veränderungen zeigen. Das bedeutet im Umkehrschluss allerdings nicht, dass dieser Mensch Schmerzen erfährt. Vielmehr liegt es an unserem Gehirn, ob es sich dazu entscheidet, einen Zustand als bedrohlich einzustufen und dann mit Schmerzen zu antworten.

Schmerzen sind stets im Zusammenhang zu betrachten

Schmerzwahrnehmung ist stets vom jeweiligen Kontext abhängig. Alter, Geschlecht, Kultur spielen dabei ebenso eine Rolle wie Erinnerungen, Emotionen und Überzeugungen (Genau die gleiche kleine Fingerverletzung verursacht bspw. bei einem professionellen Violinisten mehr Schmerzen als bei einem professionellen Tänzer. Die erlittene Fingerverletzung ist für den Violinisten bedrohlicher im Hinblick auf seine Karriere als für den Tänzer).

Kann also zusätzlich dieses Mantra vom „ab 30 geht es bergab“ dazu führen, dass wir mit dem Eintritt in das kritische Alter mehr Schmerzen erfahren?!

Gedanken sind real

Zunächst ist festzuhalten, dass Gedanken real sind. Sie entstehen aufgrund von Chemikalien, die im Gehirn ausgeschüttet werden und durch Nervenimpulse.

Unsere Gehirne sind höher ausgebildet als die aller anderer Lebewesen. Unser Verstand ermöglicht es uns, Ereignisse im Voraus zu planen, von Erfahrungen zu lernen und mit Logik die Zukunft vorauszusagen. Somit besitzen wir Menschen die Gabe, eine Situation als potentiell gefährlich identifizieren zu können, bevor es zu irgendeinem Signal im Gewebe kommt. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass schon Signale, die keinen Bezug zum Gewebeschaden haben, ausreichen, um Schmerzen zu produzieren. Nämlich dann, wenn das Gehirn diese als gefährlich einstuft.

Bei Menschen mit anhaltenden Schmerzen ist das körpereigene Alarmsystem besonders empfindlich. Bloße Hinweise, dass etwas Schmerzen verursacht, können ausreichen, deren Schmerzknotenpunkte und Schmerzgedächtnisse zu aktivieren. Ist das eigene Schutzsystem darauf sensibilisiert ist, kann bereits der Gedanken an eine bestimmte Bewegung oder das Beobachten der Bewegungsausführung bei einem anderen Menschen bei ihnen selbst Schmerzen auslösen.

Dies liegt daran, dass dann sogenannte Spiegelneurone („Nachäffer Neurone“) aktiv werden, wenn wir an eine Bewegung denken oder sie sich uns vorstellen. Das ist auch der Grund warum Gähnen, Lachen, sogar Weinen ansteckend sein kann.

An dem Spruch: „Ich bin so alt, wie ich mich fühle“ ist also viel Wahres dran! So könnte bspw. eine 70-jährige Frau Angst um ihren Rücken haben, da sie gehört hat, Bandscheibenvorfälle seien in ihrem Alter weit verbreitet. Die Art, wie sie sich bewegt, wie sie sich bückt, wird von diesen Gedanken bestimmt werden. Allein die Vorstellung, schwere Gegenstände hochheben zu müssen, kann Schmerzen verursachen. Ihr Gehirn wird gewisse Bewegungen mit Gefahr assoziieren und die Frau durch Signale daran hindern, diese auszuführen.

Gedanken prägen unser Verhalten

Gedanken tragen als Nervenimpulse nicht nur direkt zu einer Schmerzerfahrung bei, sondern sie prägen auch unser alltägliches Verhalten. Es herrscht nach wie vor eine „Abbauidee“, was Gesundheit und Alter anbelangt. Die Aktivierung negative Altersbilder durch Sprache und Worte, durch kulturelle Überzeugung, hat Einfluss auf unser komplettes Selbstverständnis.

Bei Familientreffen kann man dergleichen gut beobachten: bei der Generation Ü50 geht es in den Gesprächen häufig um Krankheiten und sonstige Gebrechen. Als würden gerade diese Dinge diese Lebensphase prägen und es nichts Bedeutenderes geben.

Und so wird zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung, dass wir glauben, den eignen Alterungsprozess nicht aktiv mitgestalten zu können; der Lebensstil wird weniger aktiv, man lebt weniger gesundheitsbewusst; Stress und Ängste vor dem Älterwerden führen dazu, dass man weniger zufrieden ist und einem höheren Gesundheitsrisiko ausgesetzt ist. Und prompt landet man in einer Negativspirale, in der Schlechtes, Schlechtes verstärkt!

Schlechte Gewohnheiten + schlechte Gedanken = Schmerzen?

Der Hauptgrund nachlassender Gesundheit und die Zunahme von Schmerzen ist demnach nicht das Alter. Vielmehr sind es die Begleitumstände unseres Lebenswandels die dies befördern: Inaktivität und der tief verwurzelte Glaubenssatz der „Abbauidee“.

Wir entwickeln Gewohnheiten, die uns schlichtweg „schneller“ altern lassen. Wir bewegen uns immer weniger als es noch Generationen vor uns getan haben und werden dabei immer schwächer.

Eine Studie konnte dies bspw. anhand der Griffkraft nachweisen: man verglich die Griffkraft von Menschen im Alter zwischen 20 und 34 heute mit der Gleichaltriger vor 30 Jahren. Die 2015 getesteten Menschen hatten signifikant schlechtere Werte als die, die 1985 die gleiche Studie unternommen hatten.

Wissen, wie und warum Schmerzen entstehen

Wichtig ist es anzuerkennen, dass alle Schmerzen real sind. Auch, wenn sie im Gehirn „gemacht“ werden, so sind sie doch kein bloßes Produkt unserer Einbildung. Das Wissen darum, wie und warum diese entstehen, kann uns jedoch helfen, Auswege zu finden. Der „Trick“ besteht darin, zu verstehen, dass Schmerzen nicht unsere Feinde sind und dass ein anderer Umgang damit unser Leben positiv beeinflussen kann. Unser Nervensystem will nur unser Bestes und versucht, uns zu beschützen. Daher wird es nur eine allmähliche Steigerung unserer Aktivitäten und Übungen zulassen. Es geht darum, unser Aktivitätsniveau graduell zu erhöhen. Bewegung ist Nahrung für das Gehirn. Nervenbahnen, die durch Angst und Ignoranz verkümmert sind, können durch Bewegung wieder neu aktiviert werden. So werden sensorische und motorische Repräsentationen im Gehirn erstellt oder wiederhergestellt.

„Sich regen bringt Segen“ – mehr Bewegung

Ein aktiver Lebensstil mit ausreichend Bewegung ist ein wichtiger Schlüssel, will man Schmerzen verbeugen oder verringern. Bewegung ist unverzichtbar für die Gesundheit aller Körpersysteme und -prozesse! Die Körpergewebe, vor allem die Muskeln, Gelenke und Nerven sind für Bewegung gemacht. Sie lieben sie sogar!

Bei kleinen Zipperlein und dem Gefühl von Steifigkeit kann Bewegung das einfachste Mittel zur Abhilfe sein: langes Sitzen, Tätigkeiten langer Bewegungslosigkeit führen zu Flüssigkeitsstau aus Nebenprodukten des Muskel- und Gelenkstoffwechsels. So gelangen schädliche Säuren in unsere Gewebe. Das Gehirn beschließt, dass die Muskeln in Gefahr sind. Es sendet Signale, dass es weh tut und verlangt nach Veränderung. Wenn wir uns bewegen, wird das System durchgespült und Säuren entfernt.

Auch Knochen und Gelenke sind lebendige Strukturen, die nach Bewegung und Druck verlangen und die für ihre Gesundheit lebensnotwendig sind: Gelenkflüssigkeit (Synovialflüssigkeit) und Ernährungsstoffe können sich im Gelenk und im Knorpel verteilen, sie werden optimal mit Nährstoffen versorgt und sie können somit „reibungsloser“ funktionieren.

Gerade wenn man unter Schmerzen leidet, fällt es nicht immer leicht, sich zu bewegen. Hier ist Kreativität gefragt: wie kann ich Alternativen zu Bewegungen finden, die weniger oder besser gar nicht schmerzhaft sind? Ich könnte bspw. Übungen auf dem Boden, im Sitzen, unter Zuhilfenahme meiner Gliedmaßen ausführen und damit allmählich meine Belastbarkeit erhöhen.

Eine positive Einstellung

Der emotionale Zustand, in dem ich mich befinde, hat ebenfalls großen Einfluss auf die Empfindung von Schmerzen. Eine sinnvolle Schmerzbekämpfungsstrategie zielt demnach auch darauf ab, gute mentale Zustände herbeizuführen. Yoga, Mediation, progressive Muskelentspannung, Spaziergänge in der Natur, Methoden, bei denen ich aktiv etwas tue, um Stress und Anspannung herunter zu regulieren, wirken sich positiv auf den Gemütszustand und damit auf das Empfinden von Schmerzen aus.

Wie gehst du mit Schmerzen um?

Spürst du eine Zu- oder Abnahme von Schmerzen, wenn du dich weniger/mehr bewegst?

Hast du Strategien, besonders welche zur Stressreduktion, wie du mit Schmerzen umgehst?

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