Warum positive Affirmationen nicht wirken

Das neue Jahr zählt zwar schon ein paar Tage, aber die Zeit der guten Vorsätze ist noch nicht vorbei. Mit dem Jahreswechsel beschließen viele Menschen, ihr Leben und sich selbst optimieren zu wollen. So sehnen sich nicht wenige danach, ihren Selbstwert zu steigern und damit auch ihre Ausstrahlung und Wirkung auf andere. Auf der bewussten Ebene setzen sich solche Menschen intensiv mit dem Thema auseinander. Mittels sprachlicher Informationen wie „ich bin selbstbewusst“ versuchen sie, sich darin zu bestärken. „Positive Affirmationen“ nennt man solche sprachlichen Werkzeuge und in nahezu jedem Selbsthilferatgeber findet sich eine Fülle solcher Sätze, die helfen sollen, das eigene Leben zu verbessern.

„Der Mensch, der Selbstmanagement Strategien ausschließlich über das Denken umsetzen will und den Körper dabei vergisst, riskiert sein persönliches Scheitern“ – Psychodramatherapeutin Dr. Maja Storch

Bei der Anwendung solcher Affirmationen wird jedoch außer Acht gelassen, dass nicht nur der Kopf, sondern auch der Körper maßgeblich daran beteiligt sind, was für eine Art von Mensch wir sind. Wenn Menschen denken, fühlen, handeln, ist der Körper immer mit im Spiel. Die Zusammenhänge zwischen Körper und Geist sind wechselseitig ausgestaltet, es besteht eine zirkuläre Kausalität.

Das psychische Erleben einer Situation führt zu einem bestimmten Körpergeschehen. Das Gejammer meines Gesprächspartners lässt mich die Stirn in Falten schlagen, weil ich genervt von ihm bin. Lassen sich hier nicht vielleicht Ursache und Wirkung umdrehen? Bin ich genervt, WEIL ich die Stirn gerunzelt habe?

Verschiedene Studien und Experimente haben sich mit solchen Auswirkungen der Körperhaltung auf die Gefühlsebene beschäftigt:

Bei dem „Bleistift-Experiment“ (1988 Strack, Martin, Stepper) untersuchte ein Forschungsteam, inwieweit die Gesichtsmuskulatur Einfluss auf unsere Gefühle haben kann. Konkret ging es dabei um die Aktivierung bzw. Deaktivierung verschiedene emotionsrelevante Muskeln.

Dazu wurden die Versuchsteilnehmer in drei Gruppen eingeteilt und gebeten, einen Bleistift 6 Minuten lang auf unterschiedliche Art zu halten: die erste Gruppe nur mit den Lippen, die zweite mit den Zähnen und die dritte mit ihrer nichtdominanten Hand. Anschließend sollten die Probanden ihr Lustigkeitserleben beim Anschauen von Comics auf einer Skala von 0 bis 9 bewerten. Hält man einen Stift mit den Zähnen, so wird der „zygomaticus major“ aktiviert, genauso, als ob man lächeln würde. Und tatsächlich bewerteten diejenigen, bei denen diese Lachmuskeln aktiviert worden waren, die Comics als am lustigsten. Die Versuchsteilnehmer, die den Stift mit den Lippen im Mund hielten, hatten weniger Spaß beim Betrachten der Cartoons. Das Forscherteam führte das darauf zurück, dass bei ihnen der „orbicularis oris“ Muskel aktiviert wurde, welcher seinerseits den Lachmuskel „zygomaticus major“ deaktiviert (die dritte Gruppe lag bzgl. ihres Lustigkeitserlebens im Übrigen in der Mitte zwischen den beiden anderen).

Es ginge fehl, würde man nun annehmen, wolle man glücklich sein, müsse man einfach nur für 6 Minuten einen Stift zwischen den Zähnen halten. Nicht nur, dass zu einem echten Lächeln ein weiterer Muskel dazugehört (der „Musculus oribularis oculi“ oder Augenringmuskel), auch ist für eine erfolgreiche Emotionsregulierung nötig, dass der gesamte Körper eingesetzt wird. Dieses kleine Experiment zeigt jedoch, dass der Körper mehr Macht hat, als wir ihm gewöhnlich zutrauen.

„Der Körper ist die Bühne der Gefühle“ – Hirnforscher Antonio Damasio

Unsere Körper und unsere Haltung spiegeln das wider, was wir fühlen

Unser Zentrales Nervensystem reagiert auf jede Kombination von Impulsen, die es von den Eingeweiden her, von den Muskeln, vom Körper her erreicht. Jede diese Reaktion ist mit einem bestimmten Gefühlszustand gekoppelt. Verschiedene Gefühlszustände korrelieren demnach mit verschiedenen Körperhaltungen:

Das psychische System assoziiert bspw. eine gekrümmte Körperhaltung mit Depression, Aufgeben, Mutlosigkeit. Wie die Untersuchungen von Gotay und Riskind zeigen, führt das Verharren in einer solchen Haltung für nur 8 Minuten lang dazu, dass sich die Versuchspersonen in einer negativen Stimmungslage befinden, schnell frustriert und gestresst sind. Ihnen gelingt es anschließend auch nur schlecht, schwierige Aufgaben zu bewältigen. Im Gegensatz zu Personen, die nicht zuvor in gekrümmter Haltung verweilen mussten, sind sie schneller entnervt und geben deutlich früher auf.

Menschen, die über ein geringeres Selbstwertgefühl verfügen, tendieren zu solchen Haltungen, bei denen der Körper in einer gekrümmten Haltung ist. Wenn solche Personen nun versuchen, sich einzureden, sie seien selbstbewusst, dann herrscht in ihnen Inkonsistenz. Der Körper sendet nämlich entgegengesetzte Signale, wenn sie sich in einer negativen Körperhaltung befinden. Als Inkonsistenz bezeichnet man den spannungsgeladenen, unangenehmen Zustand, in dem ein Mensch sich befindet, wenn sich wesentliche Inhalte seines psychischen Systems in Widerspruch zueinander befinden.

Folgen innerpsychischer Inkonsistenz

Inkonsistenzen können zwischen zwei bewussten Inhalten und zwischen einem bewussten und einem unbewussten Inhalt auftauchen. Leichter ist es, die bewussten Widersprüche zu erkennen und diese aus dem Weg zu räumen: die Party, zu der ich nicht gehen will. Auf der einen Seite ist dies eine Situation, die ich vermeiden möchte und auf der anderen Seite der Zwang, dass ich mich verpflichtet sehe, hingehen zu müssen. Das ist keine schöne Situation, aber immerhin eine, derer ich mir bewusst bin und für die ich Lösungsstrategien entwickeln kann.

Schwieriger verhält es sich mit unbewussten Inkonsistenzen. So mag ich bspw. die Absicht haben, selbstbewusst einen Raum zu betreten, tue dies jedoch mit einer zurückhaltenden Körperhaltung. Hier besteht ein Widerspruch zu dem, was ich bewusst will und dem, was ich unbewusst tue. Diese selbsterzeugte Inkonsistenz ist wie ein schleichend wirksames Nervengift: mein psychisches System muss sich permanent mit dem internen Chaos herumschlagen, das sich daraus ergibt, dass mein Körperausdruck nicht mit meinen Überzeugungen zusammenpasst. Schleichend deswegen, da ich mir dessen nicht bewusst bin und in Situationen gerate, in denen ich trotz „guter Vorsätze“ scheitere. Ich fühle mich hilflos, sehe nicht, was ich dagegen unternehmen könnte.

Dabei scheint das Vorliegen von Konsistenz ein Indikator dafür zu sein, wie glücklich und zufrieden wir uns fühlen. Menschen, die bewusst und unbewusst einen geringen Selbstwert aufweisen, empfinden mehr Wohlbefinden und Glück als solche, die nach außen selbstbewusst tun, auf der unbewussten Ebene aber wenig von sich halten. Die erste Gruppe ist innerpsychisch konsistent. Ordnung und Übereinstimmung im Bewusstsein scheint zufriedener zu machen als etwas darstellen und sein zu wollen, was man nicht ist. Das bedeutet nun nicht, das Vorhaben aufzugeben, seinen Selbstwert steigern zu wollen. Denn den mit Abstand höchsten Wert hinsichtlich ihres Wohlbefindens erreichten schließlich die Menschen, die sowohl unbewusst als auch bewusst viel von sich halten. (Robinson, Vargas, Crawford 2003)

Das Denken alleine ist kein geeignetes Instrument, um sich in unserer immer komplexer werdenden Welt zurecht zu finden. Wir müssen die Einheit zwischen Körper und Geist wiederfinden!

Will man wirkliche Veränderung erleben, so reicht es nicht aus, dies auf der geistigen Ebene zu tun. Das menschliche Gehirn ist nicht bloßes Denkorgan, das vom Körper losgelöst ist. Dieses alte Denkmuster gilt es zu zerbrechen! Unsere Versuche, gemäß des descartianischen Weltbildes, alles rational erklären zu wollen, führen uns in eine Sackgasse. Wir haben mehr Wissen als alle anderen Generationen vor uns, einem Mangel daran kann es schwerlich geschuldet sein, dass heute mehr Menschen an Depressionen leiden als früher. Dieses Mehr an Wissen scheint nicht das zu sein, was unser Bedürfnis nach einem besseren Leben stillt.

Wir wissen zu viel und fühlen zu wenig. Zumindest spüren wir zu wenig von jenen schöpferischen Emotionen, aus denen ein schöpferisches Leben entspringt  – Bertrand Russel

Gefühle entstehen durch Bewegung. Alles, was wir empfinden ist Ergebnis dessen, wie wir unseren Körper einsetzen. Jedes Gefühl ist mit einer bestimmten Physiologie verbunden, die in Körperhaltung, Atmung, spezifischen Bewegungsmustern oder im Gesichtsausdruck ihren Niederschlag finden. Muskelkontraktion kann willentlich beherrscht werden und theoretisch könnten wir bestimmte Gefühlszustände meiden oder hervorrufen, wenn wir unsere Physiologie gezielt dazu einsetzen würden.

Es gilt, das Chaos zu beseitigen, das besteht, wenn Körper und Geist unterschiedliche Signale senden

Widersprüche müssen aufgelöst, innere und äußere Konsistenz angestrebt werden. Sobald der Wille da ist, sein Selbst dahingehend zu verändern, optimistischer durch das Leben zu gehen, können gezielt Bewegungsmuster entwickelt und eingesetzt werden, die das Selbstvertrauen stärken. Auf diese Weise können innere Kraft, Flexibilität, ein Gefühl persönlicher Stärke und Lebensfreude erzeugt werden.

Amy Cuddy, Psychologin der Harvard Business School hat in Studien herausgefunden, dass unsere Körpersprache einen enormen Einfluss auf unseren Hormonhaushalt hat. Hochstatus-Gesten (sog. High Power Poses) sind ein Beispiel dafür, was Cuddy einen „Körper-Verstand-Schubs“ nennt. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie „raumeinnehmend“ und „offen“ sind: derjenige, der eine solche Pose einnimmt, macht sich groß, nimmt dabei mehr Platz in Anspruch als jemand, der Unsicherheit ausstrahlt und sich dadurch klein macht. Die Arm- und Beinhaltung ist offen und einladend (denken wir bspw. an die Siegerpose mit nach oben gestreckten Armen oder die Wonder-Woman Pose).

Solche Körperhaltungen sollen helfen, psychologische Blockaden zu überwinden. Cuddy hat Studenten deshalb bei einem Versuch gebeten, 2 Minuten lang eine bestimmte Körperhaltung einzunehmen – entweder eine positive oder eine negative. Die Studenten mit einer positiven Körpersprache konnten ihren Testosterongehalt im Körper durchschnittlich um 20 Prozent steigern und das Cortisollevel um 25 Prozent senken. Bei Einnehmen einer negativen Körperhaltung ist das Testosteron um 10 Prozent gesunken und das Cortisol um 15 Prozent gestiegen. Und das alles in nur 2 Minuten (Das Hormon Testosteron ist unter anderem verantwortlich für Selbstvertrauen, Ehrgeiz und Dominanz – das Stresshormon Cortisol spielt hingegen eine entscheidende Rolle für Erfolg und Niederlage)

Wenn wir also selbstsicher auftreten wollen, müssen wir scheinbar nur solche Posen einnehmen, so die Moral der Studie. Eine bestimmte Körpersprache künstlich vorzutäuschen, wirkt hingegen nur wenig authentisch. Der Effekt wird zudem rasch verpuffen, wenn ich nicht selbst davon überzeugt bin, auch innerlich die Person sein zu wollen, die ich äußerlich darzustellen versuche. Wie bei allem macht die Dosis das Gift – oder in dem Fall die Medizin. Zwar können auch kleine Modifikationen große Veränderungen nach sich ziehen, doch wird kaum einer selbstsicherer werden, wenn er 2 Minuten am Tag eine positive Körperhaltung einnimmt, den Rest des Tages aber eine negative…

Ein erster Schritt ist es, aufmerksamer gegenüber sich selbst zu werden

Welche Haltungen nehme ich für gewöhnlich ein? Könnte es sein, dass ich, konfrontiert mit einer schwierigen Aufgabe, dazu tendiere, gekrümmt dazusitzen? Gebe ich deswegen vielleicht schneller auf?

Die Entwicklung eines guten Körperbewusstseins kann helfen zu erkennen, wie man durch seine eigene Mimik und Gestik auf andere Menschen und in bestimmten Situationen wirkt. So kann ich mich dafür sensibilisieren, in welche Muster ich für gewöhnlich verfalle. Gepaart mit dem Willen, mich zu ändern, kann ich diese Haltungsmuster gezielt angehen und ändern.

Und so gilt die Devise, nicht machen, bis man es schafft, sondern machen, bis man es wird! Eine positive Körpersprache soll nicht um ihres Selbstzweckes willens, sondern deswegen etabliert werden, da man tatsächliche Veränderung erreichen möchte und bis diese als neues Körpergefühl verinnerlicht ist!

Ich muss daher nicht unbedingt in eine Siegerpose vor jemanden stehen, dem ich imponieren möchte. Dies aber zu erreichen zu versuchen, während ich die Schultern und den Kopf hängen lasse, wird wenig erfolgsversprechend sein…

Wo hast du schlechte Gewohnheiten bzgl. deiner Körperhaltung?

Siehst du Zusammenhänge zwischen dieser und deiner Stimmung?

Wie könntest du deine Haltung verbessern?

Was macht das mit deinen Gefühlen?

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