Interview mit Sascha Fast

Mein nächster Interviewgast ist Sascha Fast. Er hat es sich zu seiner Lebensaufgabe gemacht, nach dem guten Leben zu suchen. Bewegung, Ernährung, Sinn, Disziplin, Freude, all diese Faktoren spielen für ihn dabei eine Rolle. Als Autor und Coach will er Menschen helfen, ihren Lebenswandel auszugestalten.

Sein Blog „Improved Eating“ sollte zunächst als eine Art öffenliches Notizbuch für das Buch „Improved Eating“ dienen. Sascha wollte sich und seine Arbeit jedoch nicht nur auf dieses Thema beschränken. Aus „Improved Eating“ wurde ME Improved, wobei M für Move und E für Eat steht. Nicht nur die Ernährung, sondern eine gute Lebensführung in nahezu alle seinen Facetten sind für meinen Interviewgast von Bedeutung. Seine Erkenntnisse dazu mündeten schließlich in seinem Buch „Reflexion und Analyse des Lebenswandels“, welches bald erscheinen wird.

Saschas Ziel ist die größtmögliche Gesundheit und Fitness — sei es körperlich oder geistig. Welchen Stellenwert die Bewegung dabei einnimmt, darüber habe ich mit ihm gesprochen und er war so freundlich, seine Gedanken dazu mit mir zu teilen.

Kathrin: Kannst du kurz darauf eingehen, was „Movement“ in deinen Augen bedeutet, wie definierst du Bewegung?

Sascha: Vielleicht fange ich mal mit dem Ursprung von Bewegung an. Bewegung ist eigentlich eine Form von Problemlösung. Wir wollen irgendwohin, wollen essen, trinken oder überleben. Um das zu tun, müssen wir uns bewegen. Daher kommt es, dass Bewegungsfähigkeit eigentlich eine Form von Fähigkeit ist Probleme zu lösen.

Das englische Wort “Movement” ist im Grunde eine Art Label geworden, um mit einer sehr vielfältigen Zahl von Bewegungspraktiken umzugehen. Mir scheint, dass die Menschen ein Etikett brauchten, um etwas zu bezeichnen, das sich gegen eine Etikettierung wehrt.

Wenn wir uns aber am Ursprung der Bewegung orientieren, das Probleme lösen, ist es aber wieder leicht. Bewegung ist das, was Probleme löst. In unserer heutigen Zeit müssen wir uns freilich die Probleme selbst lösen. Und da setzt im Grunde allgemeines Bewegungstraining an.

Wenn man also die Bewegungspraktik verschiedener Menschen ansieht, muss man sich nur fragen, welches Problem dieser Mensch gerade löst.

Wie sieht in diesem Kontext deine eigene Bewegungspraxis aus? Wie war dein Werdegang?

Da wende ich doch gleich meine obige Herangehensweise an und frage mich: Welche Probleme löse ich zurzeit? Ich überwinde schwere Widerstände und versuche, meinen Körper in schwierigen Positionen zu bewegen. Kurz: Ich mache Krafttraining. Darüber hinaus versuche ich viel Arbeit in kurzer Zeit zu bewältigen: Ich mache etwas, das dem Crossfit-Training ähnlichsieht. Ich balanciere: Das heißt, ich beschäftige mich gerade mit dem Handstand.

Dieses Bewegungsding ist eine schwierige Sache für mich, weil ich einerseits weiß, dass ich kein „Mover“ bin. Ich mache viel Sport und versuche, mich vielfältig zu belasten. Aber meine Gedanken drehen sich nicht ständig um Bewegung. Ich trainiere gerade meinen Handstand schwerpunktmäßig, weil mir das ein cooles Ziel erscheint. Aber ich könnte genauso gut auch irgendwas anderes machen.

Grundvoraussetzung für mich ist, dass ich meine Ausdauer, meine Kraft und meine Mobilität erhalte oder ausbaue, damit ich noch lange Zeit selbstständig durchs Leben gehen kann. Aber ich trainiere zurzeit mehr mit dem eigenen Körpergewicht, weil ich mir damit mehr Optionen offen halte und vielleicht noch Bock auf andere Sachen habe. Aber ich hätte mich genauso gut auch für Bodybuilding oder Crossfit entscheiden können. Entscheidend ist, dass ich mich steigere und verbessere.

Ich habe früher viel Kampfsport gemacht und davor Tischtennis und Fußball gespielt. Hängen geblieben ist dann vor allem das Training, das ich alleine machen kann.

Ein Konzept, mit dem du dich intensiv beschäftigst, ist das der Antifragilität. Die Kernaussage dabei ist, dass etwas, das antifragil ist, durch Belastungen gestärkt oder verbessert wird. Wie wendest du dieses Konzept auf deine Bewegungspraxis an?

Naja, die Mindestvoraussetzung für ein gutes Training ist die Progression. Das heißt, dass man die Belastung steigert. Wenn man einfach nur immer das Gleiche macht, führt das nicht mehr zu Veränderungen im Körper.

Für mich ist das Konzept nicht nur deshalb interessant, weil es sich auf das Training anwenden lässt. Es ist das Grundkonzept dafür, wie es zu Wachstumserfahrungen kommt. Dass unser Körper irgendwann nicht mehr gut funktioniert, ist unausweichlich. Aber unser Geist bleibt uns bis zum Ende erhalten. Bewegung ist einer der besten Möglichkeiten solche Wachstumserfahrungen zu machen, aber nicht die einzige Möglichkeit. Antifragilität ist ein Konzept, dass auf einer allgemeineren Ebene steht als das Konzept der Bewegung. Das heißt, dass Bewegung für mich EIN Bestandteil eines antifragilen Lebens ist.

Besteht die Gefahr bei einem „antifragilen Training“ nicht, dass die Stressbelastung zu hoch wird?

Das ist natürlich eine Frage, die sich vor allem auf körperlicher Ebene stellt. Für mich zumindest. Ich habe meinen Körper schon einige Male überlastet und den Preis bezahlt. Die Gefahr ist natürlich da.

Aber die antifragile Natur des Körpers zu respektieren, heißt auch seine Grenzen zu respektieren. Mehr Stress ist nicht immer besser.

Auf deinem Blog beschäftigst du dich auch mit Meditation. Ist das ein Vehikel für dich, um diese Stressbelastungen auszugleichen? Hast du eine eigene Meditationspraxis?

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Es gibt zwei Formen von Meditation.

Es gibt Meditation als Entspannungstechnik. Das ist, was wir westliche Menschen vor allem aus dem Osten für uns entdecken. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass wir das Gefühl mentaler Überforderung haben und deswegen empfänglicher für das Versprechen von Entspannung sind.

Ein anderer Blickwinkel auf Meditation ist ein Training für den Geist. Es gibt Formen der Meditation, die mitunter sehr belastend sind. Es ist nicht gerade eine Entspannungstechnik, wenn man als Zen Mönch 8 Stunden vor eine weiße Wand setzen muss.

Ich kann also nicht sagen, dass Meditation immer ein Ausgleich ist. Es ist das Gleiche wie bei Bewegung: Ist eine Runde Crossfit Ausgleich nach einem langen Bürotag oder zusätzlicher Stress? Es kann beides sein.

Meine eigene Meditation sieht ziemlich simpel aus. Ich setze mich morgens für 15 Minuten hin. Manchmal probiere ich eine Technik für ein paar Wochen aus. So habe ich einige Zeit meines Lebens transzendentale Meditation gemacht und auch die Wim Hof Atemtechnik praktiziert. Aber im Kern heißt es für mich 15 Minuten am Anfang des Tages meinen Geist zu säubern.

Du bist selbst laut eigener Aussage ziemlich groß und schwer, dennoch sehr beweglich. Wie wichtig ist es für dich, nicht nur an deiner Kraft, sondern auch an deiner Mobilität zu arbeiten?

Naja, super beweglich bin ich nicht. Wohl aber verglichen mit anderen Menschen die 108kg wiegen. Meine Mobilität ist mir insofern wichtig, dass ich durch sie nicht daran gehindert werde, Probleme zu lösen. Wenn ich nicht in die Hocke komme, kann ich keine tiefen Kniebeugen machen und mir sind vor allem auch viele Bewegungen verschlossen. Mobilität ist eine Eintrittskarte.

Welche Methoden nutzt du, um beweglich zu bleiben?

Übliches Mobilitytraining wie man es von Kelly Starrett kennt, aber auch Progressive Loaded Stretching.

Ist für dich ein Mensch, der sich bewegt ein besserer Mensch und wenn ja, warum?

Ja. Einige der Gründe sind folgende: Ohne Bewegung wird man krank. Ein kranker Mensch kann nicht viel bewirken. Zumindest weniger, als wäre er gesund. Eine Krankheit kann oft Auslöser für eine Gesundung des Menschen sein. Solche Menschen sind dann oft aktiv und setzen sich für andere Menschen ein. Aber das hätten die genauso gut auch ohne diese Krankheit machen können.

Wenn man sich viel bewegt, ändert sich sehr häufig auch die Perspektive auf andere Dinge. Man muss sich um seine Ernährung kümmern, damit man gut regeneriert. Häufig nimmt auch weniger am allgemeinen Konsumwahn teil. Wenn man nach der Arbeit zum Crossfit geht und am Wochenende viel klettert, bleibt nicht mehr viel Zeit zum Fernsehen und Shopping. Bewegung hilft dabei den Blick auf weniger schädliche Dinge für sich und für andere zu richten.

Wie kann ein „unbewegter Mensch“ anfangen, mehr Bewegung in sein Leben zu bringen?

Ich würde sagen, dass die beste Möglichkeit ist, sich erstmal einem Weg zu übergeben. Dabei spielt es keine Rolle, was man macht, solange man etwas macht. Man kann in einen Boxverein gehen, mit einem erfahrenen Kumpel ins Fitnessstudio oder mit Tai-Chi anfangen. Wenn man eine gute Gemeinschaft mit guten Trainern/Lehrern gefunden hat, lernt man im Grunde eine Leiter kennen und man lernt, wie man diese erklimmt.

Bewegung kann langweilig sein, wenn man diese als einen Fremdkörper betrachtet. Das ist das Problem der meisten Menschen, die ins Fitnessstudio quälen. Sie wollen Bewegung „erledigen“. Man kann sich aber auch etwas suchen, was einen anspricht und das machen. Wenn man 2-3x/Woche zum Boxen oder Ringen geht, absolviert man ein komplexes und vielfältiges Trainingsprogramm, aber gleichzeitig lernt man etwas und hat auch für den Moment sinnvolle Ziele. Das bedeutet viel für die Seele.

Welche Bewegungen sind für dich essentiell und sollten von jedem beherrscht werden?

Da kommt es auf den Standpunkt an. Da gibt es natürlich die Kniebeuge. Ohne die kommt man nicht mehr vom Lokus. Die Frage ist auch, welche Bewegungspraktik man macht. Für einen Bodybuilder sind andere Bewegung essentiell als für einen Kampfsportler. Während für einen Boxer ein einarmiger Liegestütz ein sehr nützliches Werkzeug ist, ist für den Bodybuilder Bankdrücken wahrscheinlich wichtiger. Aber beide könnten von der jeweils anderen Übung profitieren.

Deswegen würde ich weniger nach essentiellen Bewegungen fragen, sondern nach den Problemen, die gelöst werden müssen. Für eine Couch-Potato ist sicherlich der Daumen wichtig, damit er effizient zwischen den Fernsehkanälen wechseln kann 😉

Für ein Grundlagenprogramm finde ich den Bewegungskatalog von Paul Chek sinnvoll, wie er es in seinem Buch “How to Eat, Move and Be Healthy!” ausgeführt hat (Anmerkung: die essentiellen Bewegungen, die ein menschlicher Körper ausüben können sollte sind laut Paul Chek „Gehen, drehen, ziehen, drücken, hocken, einen Ausfallschritt machen, beugen).

Machst du bei deinen Coachings Unterschiede zwischen Mann und Frau?

Ja. Der wichtigste Unterschied zwischen Mann und Frau ist die Fruchtbarkeit. Der weibliche Körper reagiert konservativer, das heißt, dass er stärker gegensteuert, wenn man den Stress erhöht. Als Frau muss man also vorsichtiger sein, wenn man das Trainingsvolumen erhöht, intermittierendes Fasten einführen will, neue Kältebelastungen nutzt und so weiter. Ist man zu unvorsichtig, destabilisiert das den Zyklus, was zu einer ganzen Reihe von anderen Problemen führt.

Aber viele Unterschiede ergeben sich nicht, weil jemand ein Mann oder eine Frau ist. Sie ergeben sich, weil Männer und Frauen statistisch gesehen unterschiedlich sind. Das bezieht sich vor allem auf die Psyche und Persönlichkeit. Ich stelle fest, dass Frauen häufiger die Bedürfnisse anderer Menschen stärker berücksichtigen, während Männer häufig die Perspektive anderer Menschen übersehen. Das ist wichtig, wenn es darum geht, wie man mit Veränderungen des Lebenswandels umgeht. Wenn man beispielsweise die Ernährung umstellt, stellt man zwangsläufig auch die Ernährung der Menschen um, mit denen man an einem Tisch isst. Während ich Frauen häufiger dazu anmahne, dass sich nicht den Wünschen anderer Menschen beugen sollen, nur weil die anderen Menschen irgendwas wollen, erkläre ich Männern häufiger, wie sie ihre Partner in ihre Umstellung miteinbeziehen, damit ihnen kein Egotrip vorgeworfen wird. Das ist eines der vielen Beispiele.

Wo und wie können die Menschen mehr über dich erfahren?
Auf meinem Blog ME Improved und in meinem Buch „Reflexion und Analyse des Lebenswandels“, das in einigen Wochen erscheinen wird.

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