Ist dein Training im Fluss?

Sport boomt. Die Zahl derer, die Mitglieder in einem Fitnessstudio oder Sportverein sind, nimmt jährlich zu. Fragt man den Großteil der Menschen danach, warum sie diese Tätigkeiten ausüben, so lautet die Antwort oft, die dahinterstehende Motivation sei bspw. der Wunsch, einem bestimmten Körperideal entsprechen zu wollen oder Ausgleich und Ablenkung vom Alltag zu suchen. Der Faktor „Spaß“ spielt eher eine untergeordnete Rolle. Richtig „glücklich“ wirken diese Menschen dabei auf mich nicht. Wenn man dann noch einen Blick in die Fitnessstudios wirft, sieht man dieselben Menschen gelangweilt auf Ausdauergeräten sitzen, während sie daneben eine Zeitschrift lesen oder gar Tv schauen.

Aber ist diese Herangehensweise nicht verschwendete Lebenszeit? Wir alle haben nur eine beschränkte Dauer, die wir hier auf Erden verbringen können und sollten wir nicht Tätigkeiten suchen, die uns nicht nur körperlich, sondern auch seelisch gut tun?

Nach Mihaly Csikszentmihaly, der sich eingehend mit der Frage beschäftigte, was das Leben lebenswert macht und den Begriff der „Flow“- Erfahrung prägte, befinde sich der Großteil der Menschen in einem Zustand, in dem das eigene Bewusstsein ungeordnet sei, was dazu führe, dass wir nur geringe Befriedung und Freude in unserem Tun erfahren könnten.[1]

Unordnung vs. Ordnung im Bewusstsein

Was genau bedeutet das und was hat das mit Sport zu tun? Das Gegenteil der Unordnung oder auch psychischer Entropie wäre ein geordnetes Bewusstsein, in dem wir „optimaler Erfahrung“ erlangen, uns „im Flow befinden“. Wir haben immer dann Ordnung in unserem Bewusstsein, wenn wir eigene realistische Ziele verfolgen und unsere Fähigkeiten während der Tätigkeit den Handlungsmöglichkeiten entsprechen. Die optimale Erfahrung ist dann eine solche, in der das Tun seines Selbst willens erfolgt.

Was passiert nun, wenn wir trainieren oder Sport treiben, um eine bestimmte Körperzusammensetzung oder gar Zahl auf der Waage zu erreichen oder wenn wir glaubten, wir müssten uns bewegen, um den ganzen Stress, der im Laufe eines Tages auf uns einprasselte, aus dem Kopf bekommen?! Die Anreize, zu trainieren liegen hier außerhalb unseres Selbst, wir geben uns damit einer sozialen und externen Kontrolle hin. Wir finden die Belohnung nicht in den Ereignissen des Augenblickes, sondern in zukünftiger Aussicht auf Erfolg/Freude oder dadurch, dass wir damit Schmerz vermeiden. Denn, wenn ich mich schon zum Sport quäle, dann hilft mir das vielleicht dabei, den ersehnten Körper zu erlangen oder es winkt gar eine Belohnung in Form von Kuchen, Bier etc., schließlich habe ich ja auch was geleistet und Kalorien verbrannt…

Sofern eine solche Herangehensweise die Motivation steuert, Sport zu treiben, zeigt sich, dass die Aufmerksamkeit, die wir dabei aufwenden meist in die Zukunft (ich möchte damit X erreichen) oder in die Vergangenheit (ich habe zu viel gegessen, daher muss ich das wieder abtrainieren) gerichtet ist. Der eigentliche Akt des Sporttreibens gerät in den Hintergrund, ist nur „Mittel zum Zweck“. Und das ist auch der Grund, warum viele Menschen ungern zum Sport gehen, da sie es vornehmlich aus Pflichtgefühl und weniger aus Lust an der Sache selbst tun. Unsere Aufmerksamkeit und die Erfahrungen, die wir dadurch in unser Bewusstsein kommen lassen, sind jedoch begrenzt. Indem ich meine Aufmerksamkeit beim Sport darauf richte, dass ich mir davon erhoffe, zukünftige Freude zu erreichen (ich nehme ab; ich darf mehr essen) oder Schmerz zu vermeiden (wenn ich nicht Sport treibe, werde ich dick, bin ich unausgeglichen…) wird klar, dass weniger Energie für die eigentliche Tätigkeit zur Verfügung steht.

Kontrolle über das eigene Bewusstsein

Was also tun? Wie kann ich mehr Spaß und Befriedigung in meinem Training haben? Laut Csikszentmihalyi kann das dann gelingen, wenn der Mensch Kontrolle über sein Bewusstsein erlange. Das ist die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit willentlich auf etwas zu richten, sich nicht ablenken zu lassen, bis diese Aufgabe erledigt ist.[2] Die Aufmerksamkeit ist dabei die Energie, die nötig ist, um eine Arbeit zu verrichten. Es liegt an jedem selbst, diese Energie zu kontrollieren. Kontrolle über diese psychische Energie erreichen wir dann, wenn wir Dinge bewusst tun.

Wie kann ich aber bewusst sein, dass ich gerade Ausdauertraining machen, wenn ich dabei auf einem stationären Fahrrad sitze, ergo eine Umwelt habe, die sich trotz der Bewegung nicht verändert und ich dabei auch noch lese, um der Langweile des Strampelns zu entgehen?!

Zugegeben, auch mich reizt die Vorstellung einer solchen Trainingserfahrung nur begrenzt. Allerdings kann auch eine solche optimaler gestaltet werden.

In Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass Fließbandarbeiter ihrer monotonen Beschäftigung etwas abgewinnen konnten, wenn sie bewusst ihre Aufmerksamkeit auf diese Tätigkeiten legten und eher „spielerisch“ an die Sache herangingen.[3] Die Arbeiter, die die Motivation hatten, bspw. ihre eigenen „Rekorde zu übertreffen“, indem sie ihre Arbeitsprozesse jedes Mal aufs Neue zu optimieren versuchten, hatten mehr Spaß und Zufriedenheit bei ihrer Arbeit. Ihre Aufmerksamkeit galt dabei den einzelnen Prozessen selbst und nicht dem Resultat.

„Flow“ erfahren – ein Spiel daraus machen

Auch beim Training ist es möglich, solch eine Herangehensweise zu praktizieren. Wenn ich mich also für Ausdauertraining auf einem solchen Fahrrad entscheide, dann kann ich dies dergestalt tun, dass ich versuche, dieses Mal schneller, länger oder mit höherem Widerstand zu treten. Um diese Aufgabe zu erreichen, muss ich jedoch „im Augenblick“ sein, meine Aufmerksamkeit genau darauf richten, wie sich meine Muskeln dabei anfühlen, welchen Widerstand ich beim Treten der Pedale erfahre, etc. Daraus kann ein Spiel werden, dessen Regeln sich jedes Mal aufs Neue verändern und am Ende steht vielleicht die Erkenntnis, dass das Training dieses Mal mehr Spaß gemacht hat und ich ein Gefühl von Befriedigung erfahre… Ich habe dann Kontrolle über meine Erfahrung und kann diese bewusst wahrnehmen statt nur dröge und sinnlos meine Zeit „abzusitzen“. Es geht also darum, den Augenblick zu nutzen, im Hier und Jetzt – auch während des Trainings – zu sein!

Wir stehen immer kurz davor zu leben, aber wir leben nie – Ralph Waldo Emerson

Was sind deine Erfahrungen beim Training?

Gehst du mit Spaß und Begeisterung an die Sache heran?

Bist du dir bewusst, was du tust oder lässt du dich von anderen Dingen ablenken und treiben?

Was kannst du tun, um deine Aufmerksamkeit besser zu steuern?

  1. [1] Csikszentmihaly, Flow, Das Geheimnis des Glücks, Klett-Cotta
  2. [2] Csikszentmihalyi, Flow: S.51
  3. [3] Csikszentmihalyi, Flow: S. 61

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