Wissen als Junkfood?

In einer Welt, in der es vor neuen Informationen nur so wimmelt, wie soll man da noch wissen, welche wertstiftend sind? Alle zwei Jahre verdoppelt sich das Wissen der Welt. Nie war es so leicht wie in unserer heutigen Zeit, an Wissen zu gelangen. Die Verbreitungsgeschwindigkeit von Informationen über das Internet und die (elektronischen) Massenmedien trägt ihr Übriges dazu bei. Ständig und überall werden wir dadurch mit Meldungen bombardiert. Dank unserer Smartphones sind wir auch unterwegs stets verbunden. Permanent prasselt eine Flut von Reizen auf uns herein, eine unüberschaubare Anzahl an Kanälen steht uns dabei zur Verfügung.

Informationen als Junkfood

Wie Nahrung gibt es auch Informationen und Wissen, die für uns wichtig sind und unser Leben bereichern. Allerdings ist alles im Überfluss vorhanden und es gibt keinen eingebauten Filter für Relevantes und Nichtrelevantes. Eine Diät, die aus zu viel Zucker und Süßigkeiten besteht, schadet uns. Ebenso kann die falsche Art der Informationszufuhr toxisch für uns sein.

Der Großteil der aufgenommenen Informationen ist Junkfood! So wie zuckrige Lebensmittel uns gut schmecken, da sie ein augenblickliches Wohlgefühl hinterlassen, sind auch die Information am verlockendsten, die mit Versprechungen versehen sind. Die Köder, die man nach uns auswirft, wollen uns glauben machen, dass das, was uns vermittelt werden soll, unverzichtbar für uns ist und unmittelbare Erfolge und Befriedigung liefert.

Die Konkurrenz unter den veröffentlichenden Medien ist groß. Ein jeder versucht, sich durch geschickt lancierte Meldungen von dem anderen abzuheben. Zeitungen bspw. sind aus Profitgründen dazu angehalten, jeden Tag ihre Blätter zu einem gewissen Umfang mit Nachrichten zu füllen – egal, ob etwas bedeutend ist oder nicht. Dazu kommen tausende von Internet-Diensten, die uns alle etwas zu „sagen haben“. Zu Zeiten als Informationen noch mündlich überliefert wurden, waren Anekdoten „DAS Interessante“; sie stellten wirkliche Informationen dar; heute hingegen überfrachtet uns die Medienwelt mit Anekdoten. Das führt nicht nur dazu, dass unsere innere Landkarte hinsichtlich der Realität verzerrt wird, sondern wir setzen uns auch erhöhten Stressoren aus. Ein gewisses Maß an Stressoren ist sinnvoll und notwendig. Biologisch gesehen ist ein gewisses Maß an Stress und Belastung wichtig, um sich weiterentwickeln zu können. Die Häufigkeit der Stressoren ist es, die von Bedeutung ist: wir werden mit akuten Belastungen besser fertig als mit chronischen. Permanent aber einem Strom von Informationen ausgesetzt zu sein ist gleichbedeutend mit Stress, der unseren Organismus durcheinanderbringt.

Wissen „to Go“

Dazu kommt, dass die heutige Art der Wissensvermittlung darauf ausgelegt ist, dass wir vorwiegend konsumieren: wir verleiben uns Fastfood ein, statt selbst zu kochen. In nahezu jedem Lebensbereich servieren uns „Experten“ ihr Wissen. Stets auf der Suche nach Wahrheiten schlucken wir diese bereitwillig hinunter. Oft genug sogar, ohne den Inhalt zu hinterfragen oder zu kauen: wir bekommen alles schon derart fertig serviert, dass wir uns nicht mehr damit auseinandersetzen müssen. Das „Selbstdenken“ rückt damit in den Hintergrund.

Einerseits bringt dies Positives mit sich. Wenn mich ein Thema interessiert, dann muss ich mich nicht mehr selbst stundenlang in die Materie einarbeiten. Andere haben bereits die Arbeit für mich getan. Die Gefahren liegen aber ebenso auf der Hand: unreflektiert werden Methoden und Meinungen übernommen. Ich muss nicht weiter hinterfragen, ob das stimmt, was ich gelesen, gehört oder gesehen habe. Die Anzahl der „Likes“, „Followers“ oder „geteilten Beiträge“ gelten als Indikator für die Richtigkeit des Gesagten. Und sollte etwas nicht funktionieren, so kann ich mir aus „All-you-can-eat-Büffet der Internetwahrheiten“ die heraussuchen, die mir besser passt.  

Mehr Informationen = mehr Weisheit?!

Wirklich nachhaltig ist diese Art des Wissenserwerbes nicht; persönliches Wachstum wird damit in den seltensten Fällen entstehen: Wir sammeln zwar viele Informationen an, werden dadurch aber in den seltensten Fällen weiser.

Die Information, dass eine Tomate eine Frucht ist, bringt für sich genommen nicht viel. Die eigene Erfahrung, selbst zu wissen, wie eine Tomate schmeckt – das lehrt uns, dass Tomaten einen Obstsalat nicht unbedingt schmackhafter machen.

Doch unsere Aufmerksamkeitsspanne ist zu klein, die Angst etwas zu verpassen zu groß. Nur wenige bringen die Geduld und das Sitzfleisch mit sich, sich einer Sache tiefer zu widmen. Das ist wie zu Schulzeiten: statt sich durch einen Klassiker wie Goethes Faust mit seiner komplizierten Sprache zu quälen, las man lieber die Zusammenfassung oder die Lektüren Hilfe. Für eine Klausur mag das kurzfristigen Erfolg gebracht haben, nachhaltigen Eindruck wird das Buch nicht hinterlassen haben. Es erfordert einige Mühe, um ein Werk von solcher Komplexität zu verstehen. Das gelingt schwerlich „im Durchblättern“. Derjenige, der sich mit den Worten auseinandergesetzt hat, derjenige, der sich durch die Seiten „gekämpft“ hat, dem wird es gelungen sein, das einzuverleiben, was er gelesen hat.

Und so kann aus Wissen bloßes „Schmuckwerk“ werden oder etwas, das das eigene Leben erweitert. Es muss nicht alles muss auf Herz und Nieren geprüft werden. Aber zu behaupten, man wisse über eine Sache Bescheid, ohne damit eigene Erfahrungen gemacht zu haben, ist nahezu unmöglich! Wir müssen dem Drang nach ständig Neuem widerstehen. Wenn ich etwas wirklich kennenlernen will, muss ich selbst einige Mühe investieren. Es muss Schluss sein mit der Unverbindlichkeit! Das kann ich dadurch tun, indem ich selbst Verantwortung dafür übernehme, was und wie ich lernen möchte.

Der vielversprechende Trainingsplan auf YouTube, der mich in nur 4 Wochen bei nur 15 Minuten Training die Woche zur Bikini-Figur bringen soll; Die neue super Diät, bei der ich nur Kekse essen und dabei abnehmen soll… Würden wir den Kopf einschalten, müssten wir uns nicht beschweren, dass all das nicht die gewünschten Resultate bringt! Wir machen uns selbst etwas vor, wenn wir glauben, immer die Schnellspur nehmen zu können. Veränderungen brauchen Zeit. Diejenigen, die die Informationen „verkaufen“, wollen uns aber von dem exakten Gegenteil überzeugen. Die Kurzlebigkeit der Information, unsere Ungeduld sind es, wovon sie profitieren. Solange wir auf diese Tricks hereinfallen, wird das Internet, die Medien, unsere Welt weiterhin voll davon sein. Es liegt an uns selbst, dem Einhalt zu gebieten.

Wissen durch gelebte Erfahrung

Es gilt, sich davon zu befreien, in jeder Information das nächste „Allheilmittel“ zu sehen. Statt ständig neue Übungen im Training zu machen, einen Trainingsplan auf längere Zeit und intensiv verfolgen. Statt neue Bücher zu kaufen, die ungelesenen im Regal nehmen. Statt in den Worten der immer größer werdenden Schar von Gurus/Experten DIE Wahrheit zu sehen, selbst denken. Statt Freunde auf Facebook zu sammeln wie Einklebbilder von Panini, sich um die Menschen kümmern, die einem wirklich am Herzen liegen. Ja, vielleicht wird meine Welt auf diese Art ein wenig kleiner und überschaubarer. Aber sie könnte reichhaltiger werden. Denn dann tragen wir gelebte Erfahrung mit uns und nicht nur leblosen Ballast, den wir irgendwo gelesen, gesehen haben.

Der Lindy-Effekt

An welche Art von Wissen und Information sollten wir uns also halten? Man könnte den sogenannten „Lindy Effekt“ zu Rate ziehen. Dieser besagt, dass proportional das Alte das Junge überleben wird. Alles, was der Prüfung durch den Lauf der Zeit nicht standhält, ist fragil und von kurzer Dauer.

Ein guter Indikator dafür, was man lesen sollte, ist das Alter von Büchern und wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Denn solches, was bereits seit zehn Jahren auf dem Markt ist, wird es dem Lindy-Effekt nach auch die nächsten zehn Jahre geben. Vor den neusten Diäten und Fitnesstrends Trends, von denen man vor allem im Internet liest, sollte man sich hüten. Solche Meldungen sind darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit zu erregen, indem sie schnellen Erfolg versprechen. Doch nur die Zeit kann den Schleier lüften und zeigen, ob die dort veröffentlichten Thesen tatsächlich einen Durchbruch darstellen. Daher halte man sich besser an die Dinge, die seit Jahrzehnten funktionieren: niemand wird eine schlechte Ernährung durch ein Fitnessprogramm ausgleichen können. In Form zu kommen, ohne sich zu bewegen, wird keinen Effekt haben. Die Menschen, die einem im wirklichen Leben stets zur Seite stehen sind diejenigen, die wirklich zu einem halten. Nicht die, die man bei Facebook oder in sonstigen sozialen Medien angesammelt hat. Daher verbringe man seine Zeit besser damit, solche Kontakte zu pflegen, statt Menschen aus dem Internet beeindrucken zu wollen.

Weniger ist manchmal mehr…

Wo setzt du dich zu viel „unnötiger“ Information aus?

Nutzt du gezielt Entlastungsphasen, um diesem Umstand zu begegnen?

Bist du anfällig für die „neusten Trends“ oder hältst du dich an Altbewährtes?

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